Wenn zu Hause bleiben nicht mehr für Spießbürgertum sondern für Verantwortungsbewusstsein steht und das Unwort des Jahres wohl ‚Quarantäne‘ wird; wenn Kreativität durch die sozialen Medien fließt und Hasskommentare überschwemmt; wenn der Flügel der AfD bricht und alle Parteien die gleiche Kurve schieben; wenn sich der März anfühlt wie September, weil wir zeitlos leben in unserer sozialen Isolation, dann ist Coronazeit.

Das Pendant zu Karneval, mag man meinen. Die sechse Jahreszeit, steril und einsam. Coronawitze haben sich ausgehustet und der Mundschutz ist weder Mode- noch Hypochonderaccessoire, sondern Alltag. Ghostbuster überall, wir gewöhnen uns langsam an das ‚neue Leben‘, so fühlt es sich an. Sars-CvD-2 hat die Welt ein bisschen dunkler gefärbt und Netze gespannt, in eineinhalb Meter Abständen. Die Wirtschaft lahmt und wir bewegen uns vorsichtig, wie Kinder, die bisher nackt gebadet haben und plötzlich im Bikini in die Wanne steigen. Wir fühlen uns unbehaglich, in dem Spiegel unserer rastlosen Unsicherheit. Die Infektion wartet vor der Haustür, die ganze Umwelt ist das Virus, so scheint es. Wir setzen uns im Park nicht mehr auf den Boden und den dritten Freund, der von der Bürgersteigkante gedrängt wird, gibt es nicht mehr. Wir zucken nicht mehr mit den Schultern und lachen unsicher, um den verweigerten Hand-Shake zu erklären – Berührungen werden dogmatisch vermieden, während wir die Luft anhalten, wenn potenzielle Träger im Supermarkt unseren Schutzkreis kreuzen. Die Welt scheint sich zu spalten, in Wohnzimmerkonzerte und Hamster und über Allem schwebt ein riesiges Fragezeichen.

Neuinterpretation der Ellbogengesellschaft

Ich beobachte all das, während ich in meinem Zimmer sitze und langsam entscheide meinen geplatzten Träumen genug hinterhergetrauert zu haben. Das hier ist größer als ich und jeder Staub eines geplatzten Traumes ist Baustoff für einen Neuen. Die Welt dreht sich langsamer und erholt sich von den Auswirkungen einer Hyperglobalisierung. An der Küste Venedigs wurden Delfine gesichtet, in Neu Deli kann man die Sonne sehen und weltweit könnte man vermuten, Monet habe die Kondensstreifen aus dem Landschaftsbild radiert. Ich frage mich, was bleibt, wenn all das vorbei ist. „Die Gesellschaft wird sich verändern“, hat mein Papa vor ein paar Tagen gesagt. Ich denke viel darüber nach. Krisen verändern ein System, weil Aktionismus Umdenken braucht. Aber kann eine Krise so tief in die stählernen Strukturen einer Gesellschaft wuchern, dass sie Selbstverständlichkeiten aufbricht? Kann eine Krise so viel zerstören, dass Platz für Neues geschaffen wird? Corona – ein gesellschaftliches Minenfeld?

Mein kreatives Gemüt verliebt sich jeden Tag neu, wenn Aktivismus dort praktiziert wird, wo er am schwersten zu aktivieren ist: In der Komfortzone. Ich bewundere all die Menschen, die Ohnmachtsgefühle innovativ verwandeln und Leidenschaften teilen. Wir berühren uns alle online, weil das offline nicht mehr geht und ich habe das Gefühl, der Umgang miteinander hat sich verändert. Wir sind unterstützend und verständnisvoll und vorsichtig. Das Virus scheint einen Kollektiv-Egoismus zu heilen, der Ellenbogen wird jetzt zum Türöffnen benutzt, nicht mehr als Karriereleiter. Wir scheinen enger zusammenzurücken. Ich mag es, dass sich Menschen jetzt ehrlich nach ihrem Gesundheitszustand erkundigen und ich mag es, dass ‚bleib gesund‘ keine Floskel mehr ist. Warum braucht es einen externen Feind, um Sicherheit in der Gemeinschaft zu suchen? Weil es uns zu gut geht, würde Oma jetzt sagen. Und dass wir ein solches Virus gebraucht haben, um aufzuwachen, von unserem grenzenlosen Freiheits-Thron. Damit meint sie die Generation, die Corona aushustet und nicht die, die daran stirbt.

Der Pathos weint in diesem Moment, aber vielleicht sind wir es uns als Gesellschaft jetzt schuldig, etwas zu verändern. Das Virus bremst uns aus. Jeden einzelnen von uns, Kinder und Eltern, und Ältere, die Ausbremsung ist dann oft radikal. Corona ist ein Virus. Menschen instrumentalisieren so gerne, Verschwörungstheorien sind die intrastaatlichen Sündenböcke. Das ist gefährlich. In diesem Fall kann die Natur des Menschen und die ewige Suche nach Schuld aber genutzt werden, weil die Weltgemeinschaft als Ganzes zusammensteht und plötzlich universal denken muss. Das Virus ist, auf allen Ebenen instrumentalisiert, ein Hilferuf der Erde. Der Klimawandel schreit und die Überbevölkerung schreit. Wenn Wachstum aussetzt ist Platz für Widerstand. Das Pflegepersonal ist zu beschäftigt um zu schreien, das übernimmt aber die Gesellschaft. Systemrelevanz bekommt ein berufliches Gesicht, Strukturen brechen. Das bedingungslose Grundeinkommen schreit und die Möglichkeit des langfristigen Homeoffice schreit und über allem schwebt Demut. Scheiße. Ohne Corona geht es uns wirklich gut. Wenn wir diese Krise überwinden, dann können wir uns der Nächsten widmen. Miteinander und nicht immer dagegen.

Das alles wird man sehen. Eine Post-Corona-Zeit fühlt sich in diesen Tagen sehr weit weg an. Ich habe aufgehört, sämtliche Virus-Liveticker zu verfolgen, weil ich gedanklichen Abstand brauche, um die geschenkte Zeit nutzen zu können. Ich habe das Gefühl mich neu erfinden zu müssen und ich spüre stärker denn je, wie wichtig es ist, ein gesundes soziales Netz zu haben und Menschen, denen man vertraut und die man liebt. Krisen sind so mehrdimensional anstrengend wie vergänglich, diese Pandemie ist anders. Ich spüre eine neue Verbindung zu der Welt, die ich zu sehr für mich beansprucht und in all ihren Freiheiten als selbstverständlich wahrgenommen habe. Im Moment leben zu können ist eine Gabe der Leichtigkeit. Ich lerne gerade, was emotionale Nachhaltigkeit bedeutet und wie es sich wirklich anfühlt, nach seinem Nächsten zu schauen. Und nach dem Übernächsten, und dem danach. Ich fühle mich zum ersten Mal tatsächlich als Teil einer großen Gemeinschaft und ich lerne, mich selbst zurückzunehmen. Das alles ist größer als wir selbst. Während das Hamsterrad bricht können wir darüber nachdenken, wie wir leben wollen. Wir schauen nach uns. Unsere Augen und Herzen sind offener. Weil wir endlich Zeit dafür haben.

Stillstand ist wichtig.
Chronische Betäubung macht krank.
Reizüberflutung ist kein Dauerzustand.

Habt euch lieb in diesen Tagen. Und spürt die Einsamkeit ganz bewusst. Nutzt sie, um euch selbst besser kennenzulernen. Zeit ist ein Geschenk und Betäuben kann man sich schnell genug wieder. #wirbleibenzuhause ist ein ernsthafter und wichtiger Beitrag zum gesellschaftlichen Gesunden. Ein Trend, auf den es sich lohnt aufzuspringen. Wenn Langeweile Früchte trägt, dann wachsen in diesem Jahr wohl viele Bäume der Selbstreflektion.

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