„Der kann gut mit Eiern.“ Ich halte meiner Freundin mein Smartphone vors Gesicht. Ein Mann mit vielen Muskeln steht in Badelatschen und Tanktop in der Küche und brät Eier an. Das Handy fällt mir auf die Nase, der Eier-Mann liegt jetzt zwischen uns im Bett. Der Eier-Mann, nennen wir ihn John, hat dunkle Haut, „I’m gonna be your new favourite chocolate.“ Okay, John, let’s play. „Ne“, sagt meine Freundin. „Rennt jeden Tag ins Fitnessstudio, weil er nicht lesen kann“, sage ich. „Richtiger Pumpernickel“, sagt meine Freundin. Wir kichern, wir sind kindisch, ich swipe nach links. Mir wird ein neuer Kerl angezeigt, wir kommentieren seine Fotos, ohne sie richtig anzuschauen. Ich swipe nach links. Wir lachen über Namen, über Klamotten, über Beschreibungen. Ich swipe nach links. „Der hat’s ja gar nicht nötig“, sagt meine Freundin und zieht die Augenbrauen hoch. Ich swipe nach rechts. Zwei Stunden später sitzen wir immernoch so in ihrem Bett. „It’s a match“, sagt mein Handy. „Hey“, schreibt der schöne Mensch. Ich verdrehe die Augen. „Gar keinen Bock zu schreiben“, sage ich. Meine Freundin nickt. Wir legen die Handys weg, Tindern ist wie Chips essen, aus einer Tüte, die sich selber nachfüllt. Schlecht für die Gesundheit, aber geil. Aber schlecht für die Gesundheit.

Schritt 1

Dieser Eintrag wird sehr persönlich. Ich wollte schon immer mal über Tinder schreiben, konnte aber nicht: ohne Erfahrungsschatz keine Geschichten. Aus Forschungsgründen habe ich mir vor ein paar Wochen meine erste Datingapp heruntergeladen. Von erleichtertem „na endlich“ bis entsetztem „warum das denn“ war die Rückmeldungspalette aus meinem sozialen Umfeld bestens besetzt. Ganz kurz für Oma: Tinder ist wie Herzblatt. Nur ohne Jörg Pilawa. Das Auge isst nicht nur beim Sonntagsbraten mit, Oma. Es wird so lange nach links gewischt, oder auf das rote Kreuz am Bildschirmrand gedrückt, bis ein Männlein oder Weiblein auf dem Display erscheint, dass die aktuelle Bedürfnisbefriedigung zu decken vermag. Die Erfolgschancen steigen, je vielseitiger man sich präsentiert – von seiner Schokoladenseite. Fotos mit Tieren oder kleinen Kindern, in der Natur oder beim Feiern kommen sehr gut an – Multiinteresse erhöht die Wahrscheinlichkeit der Schnittmengenübereinstimmung, es mögen sich schon einige Seelenverwandtschaften über Tinder gefunden haben. „Zeig mal dein Profil“, sagt meine Mutter. Sie schüttelt den Kopf. „So siehst du doch gar nicht aus“, sagt sie. „Und wem gehört dieser Hund?“ Ich scheine Schritt 1 des Tinderspiels zu beherrschen. 

Schritt 2

Weil ich Tinder die letzten Jahre belächelnd verteufelt habe („ist ja wie online shopping mit Menschen, scheiß Oberflächlichkeit, ich steh auf Charakter bla bla“), war die erste Benutzung für mich ganz aufregend. Männer und Frauen, sage ich den Einstellungen. 20 bis 35, sage ich. 20 Kilometer Umkreis. Man muss ja wissen, was der Menschenmarkt so hergibt. Tinder kennt keine Uhrzeit, ich merke gar nicht, wie lange ich gebannt vor meinem Handy sitze und nach rechts und links wische. Ich fange an, mit den Bildern der Menschen zu reden, während ich mit mir selbst rede. „Und was kannst du sonst so“, sage ich zu einem Piloten. „Geile Haare“, sage ich zu einer lockigen Schönheit, „Adorno habe ich auch gelesen“, sage ich zu einem Mann mit Dialketik der Aufklärung. „Kann grade nicht“, sage ich zu meinem Bruder, der Abendessen will, „ich arbeite.“ Ich ignoriere die Push-Meldungen der Nachrichtendienste. Ist mir egal, dass Andrea Nahles den SPD-Vorsitz abgibt. Ist mir egal, dass die Mietbreisbremse in Berlin durchkommt, „You’re about to meet someone new“, ist mein Satz des Moments. Meine Hemmschwelle Frauen zu matchen ist groß, ich frage mich, während ich mich mit der Optik meines 20 Kilometer Umfelds auseinandersetze, ob ich ein bisschen bi bin. Ich merke, dass ich Frauen schön finde.

Folgende Namen sind natürlich geändert.

Timo schreibt „hey“, Tim schreibt „hey“, Luka ist wahnsinnig kreativ und fragt mich, wie es mir geht. Samuel fragt „Hund oder Katze“, Manuel schickt ein GIF, Jan einen Winkesmiley. Ich antworte mit gleichatriger Floskelitis, es ist so langweilig, dass ich weitersuche, während ich auf belanglose Antworten warte. Mich langweilt das Tinderspiel nach ein paar Stunden. Ich stelle die Pushmeldungen aus, mein Abendessen ist kalt. „Wahnsinnig beschäftigt bist du immer“, sagt mein Bruder. „Na wie geht’s“, sage ich und lache mich selbst aus.  

Schritt 3

Ich liege im Garten in der Sonne, es ist zu heiß um zu lesen, Tinder ist mein neues Lieblingsbuch. Die unendliche Geschichte, denke ich. Ich wische nicht mehr, ich chatte nur noch. Beim Schreiben ist die Enttäuschung genauso groß wie die Doppeldeutigkeit des Inhalts. Ich habe gerne Sex, aber für ein Sexdate bin ich doch zu prüde. Die meisten Gespräche verlaufen sich, mit ein paar Kerlen geht die Konversation über das Smalltalk-Niveau hinaus. Der Grat zwischen höflichen Komplimenten und widerlicher Schleimerei ist schmal. Timo bringt mich zum Lachen. Plötzlich finde ich Timo wahnsinnig attraktiv, Samuel fragt, ob ich heute Abend schon etwas vorhabe. Ich sage ja und frage Timo, ob er Zeit hat. Einfach mal etwas Verrücktes machen, sage ich zu mir selbst und fühle mich sehr cool, in meiner Selbstbestätigungsblase. Ich habe noch nie so oft gehört, dass ich schön bin. Würde ich mir das selbst glauben, würde Tinder mein Ego nicht so pushen. Ich kompensiere mein geringes Selbstbewusstsein mit Komplimenten von fremden, testosterongeladenen Kerlen. Timo und ich verabreden uns für 18 Uhr.

Ich wohne in einem sehr kleinen Dorf im Taunus. Busse fahren nicht, deshalb fährt Mama-Taxi. Danke Mama. „Wie heißt denn der junge Mann?“ „Timo“, nuschele ich. „Mit Nachnamen?“ „Tinder“, sage ich. „Timo Tinder“, wiederholt sie und schüttelt fahrend den Kopf. Ich schwitze, weil es heiß ist, und weil ich wahnsinnig aufgeregt bin. Ich weiß nichts über Timo, außer das Selbstbild, was er in der drei-Sätze-Konversation hergestellt hat. Mutter lässt mich an einer Straßenecke raus, ich habe keine Ahnung wo ich bin und fühle mich ein bisschen verloren. Timo ist noch nicht da, ich habe vergessen, dass die coolen Kids immer zu spät sind. „Woran erkennen wir uns“, will ich schreiben, da winkt mir jemand von der gegenüberliegenden Straßenseite zu. Ich mustere ihn, während ich nervös an meinen Haaren herumspiele. Größer als erwartet. „Hi“, sagt Timo. Wir grinsen. Drei Stunden später sitzen wir knutschend auf dem Klettergerüst eines Kinderspielplatzes.

Warum lädt man sich Tinder herunter? Die Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Ich habe eine interessante Entdeckung in einem interessanten Profil gemacht, die ich an dieser Stelle gerne zitieren würde. Wenn du dich wiederfindest, lieber Urheber, du bist schön und schön, das erste Bier geht auf mich.

Quick quizz:
Tinder ist…
A: eine Platrform um das persönliche Instagram-Profil zu promoten
B: Eine App, um das Kollektiv- Ego einer narzistischen Generation zu pushen
C: Ein revolutionärer neuer Weg, um merkwürdigen Smalltalk übers Internet zu führen
D: Ein super Weg, um mich kennenzulernen

Antwort D würde ich alternativ ersetzen durch: Ein Spiegel der Orientierungslosigkeit einer Generation, die so viele Möglichkeiten hat und so wenige nutzt, weil die Suche nach dem persönlich Besten zu einer Sucht nach der Suche des unmöglich Erreichbarem geworden ist.

Ich habe mir Tinder ehrlich gesagt aus Langeweile heruntergeladen. Ein TV-Ersatz irgendwie. „It’s gambling“, sagt mein bester Freund. „Und Zeitverschwendung.“ Ich treffe Timo zwei Tage später wieder.

Schritt 4

 Das zweite Treffen ist je nach Ausgang des Vorherigen aufregender als das Letzte. Mein Zug nach Wiesbaden fällt aus, Mama-Taxi will mein Forschungsprojekt nicht mehr unterstützen, ich sitze am Bahnhof und denke über mein Leben nach. Ich könnte heute Abend etwas für mich tun, oder Oma anrufen, oder einfach Sein. Zu unaufregend. Ruhe heißt Stillstand, sagt Generation Y. Timo holt mich vom Bahnhof ab und bringt Bier mit. Er hat sich gemerkt, dass ich Tyskie am Liebsten trinke. Danke, Timo. Wir wollten in seinen Garten gehen, eine halbe Stunde später finde ich mich in einer fremden Wohnung wieder. „Wessen Wohnung ist das?“ „Von einem Freund, damit wir ungestört sind.“ Ein Sex-Date. Meine Intuition hatte Recht. Ich bilde mir ein, der ausgefallene Zug wäre ein Wink des Universums, mein Körper ist in Alarmbereitschaft, ich bin aufgeregt, auf die unangenehmste aller Arten. Während wir uns über Belanglosigkeiten unterhalten, schaue ich mir selbst zu, wie ich auf dem Hocker sitze und lachend darüber nachdenke, wie ich aus der Situation herauskomme. Timo macht mir Komplimente, wir trinken Bier, um Gesprächspausen galant zu überspielen. Wir hören Musik, Hollywood würde jetzt wild anfangen zu knutschen. Ich will nach Hause. Timo ist mir plötzlich nicht mehr sympathisch. Eigentlich weiß ich nichts über Timo, meine Sinne waren betäubt letztes Mal, Alkohol ist Tinders Währung. Ich kann mich nicht abgrenzen, weil ich ihn nicht einschätzen kann und weil ich mit dem Erwartungsdruck zu kämpfen habe, der über der App schwebt. Selbst schuld, höre ich meine Freundinnen sagen. Ist halt Tinder, was erwartest du. Timo ist höflich, ich rutsche weg. Es ist heiß draußen, meine Beine kleben auf dem Lederhocker. „Ich gehe kurz duschen“, sagt Timo. Ich bin so irritiert wie erleichtert. Ich frage ihn, ob ich am Fenster rauchen darf. „Du darfst alles, was du willst.“ Timo Tinder weiß wie’s läuft. „Bin gleich wieder da“, sagt er. Als die Badezimmertür ins Schloss fällt kickt mein Adrenalin. Ich warte auf den Wasserstrahl, der mir Vorsprung gibt. Auf Zehenspitzen tapse ich an der Tür vorbei, schnappe meine Schuhe und meinen Rucksack, ziehe die Haustür hinter mir vorsichtig ins Schloss. Die Dielen des Altbaus knarren, ich kann den Wasserstrahl nicht mehr hören. Ich ziehe meine Schuhe an und renne. Ich renne in die Richtung, aus der ich denke, dass wir gekommen sind. Ich spüre den Alkohol, mein Kopf pocht und meine Orientierung ist schlecht. Ich schaue paranoid hinter mich, bei jedem Mann, der mein Sichtfeld kreuzt, zucke ich zusammen. „Ich bin auf der Flucht“, kreische ich ins Telefon. „Hol mich ab.“ Zwanzig Minuten später sitze ich im Auto von meinem kleinen Bruder und weine lachend, weil ich so überfordert bin. Mein Bruder, mein Fluchtfahrzeug, mein sicherer Hafen, meine Rettung.

Retrospektiv lache ich über die Situation und meine vollkommen übertriebene Reaktion. Timo hat mir eine nette Nachricht geschrieben. Er hätte meine Flucht mit Fassung getragen, auch wenn ihm das noch nie passiert sei. Ich entschuldige mich für meine nonverbale Kommunikation und erkläre ihm, dass ich nicht der Typ dafür bin. Er auch nicht, sagt er. Und ob wir uns wiedersehen können. Tinder ist wohl nicht meine Plattform, sage ich. Sorry fürs Blockieren, Timo. „It’s a match“, sagt mein Handy.

Schritt 25

„Springen wir oder nicht?“ „Das ist bestimmt 10 Meter hoch, lass mal nicht machen.“ Ich schaue Jasper herausfordernd an. Das ganze Leben ist ein Spiel. „Come on“, ich zwinkere, seine Augen glitzern in der Sonne. Du bist so schön, Jasper. Ich nehme Anlauf und springe. Das Wasser ist eiskalt, neben mir taucht Jasper ein. Wir grinsen uns an. „Stell dir vor wir sind am Meer“, sage ich, während wir auf einer Luftmatratze über den See schweben. „Wo wärst du jetzt gerne?“ Wir schließen die Augen und reden über Grenzen und Grenzenlosigkeit und Zeit und Leben. Der Moment ist so pur, weil Jasper so pur ist. „Wenn ich richtig viel Geld hätte, dann würde ich alle Uhren entsorgen und nur noch das machen, worauf ich wirklich Lust habe.“ „Meinst du jeder Mensch hat eine Leidenschaft?“ „Wir haben keine Zeit mehr für Leidenschaft“, sagt er. Ich schüttele nickend den Kopf, weil ich nicht will, dass es stimmt und weil ich weiß, dass er Recht hat. Vielleicht suchen wir genau das auf Tinder. Sexuelle Leidenschaft, die uns punktuell das Gefühl gibt, wenigstens temporär Alltagsleidenschaft zu spüren. Oder überhaupt zu spüren. Wir betäuben uns so gerne, alles ist so schnell und laut, wir sind so beschäftigt und verplant, dass wir keine Zeit mehr haben, einfach zu Sein. Tinder ist ein Spiel, Tinder ist aufregend, Tinder ist leidenschaftlich, wenn die verklärt-romantische Utopie zur temporären Realität wird. Jasper streicht mir die nassen Haare aus dem Gesicht und gibt mir einen zarten Kuss. Du bist so echt, denke ich. Und will diesen Moment für immer festhalten, weil ich grenzenlos frei bin. Und glücklich.

„Ob du Tinder gelöscht hast, habe ich gefragt.“ Meine Freundin schaut mich an, wir liegen wieder in ihrem Bett, weil sie meinem heimatlosen Ich gerade ein Zuhause gibt. Ich schüttele den Kopf. „Ist halt auch witzig“, sagt sie. „Ist halt auch Zeitverschwendung“, sage ich. Tinder ist eine Parabel des Lebens. Wenn man weiß, was man will, kann man auch bewusst damit umgehen und danach suchen. Tinder mag eine wunderbare Plattform sein, um Bedürfnisse zu befriedigen. Der Algorithmus ist so ausgereift, erklärt mir mein Nerd-Kumpel, dass die Persönlichkeitsprofile der Menschen die man vorgeschlagen bekommt, tatsächlich oft gut zusammenpassen. Tinder mag auch wunderbar sein, um neue Menschen ohne alte Hintergedanken kennenzulernen. Ich finde es unfair, die App zu verteufeln oder zu verurteilen, Schande über mein Vergangenheits-Haupt. Ich liebe meine Freunde und mein soziales Netz, ich spüre, dass ich gerade überhaupt nicht die Kapazitäten habe, neue Menschen bewusst aufzunehmen und mit Aufmerksamkeit zu versorgen, ohne dass ich dabei zu kurz komme. Ich merke auch, dass es total wichtig ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Weniger wischen und freier atmen.

"Und woher kennt ihr euch?" Jasper und ich sitzen auf einer Mauer. Es ist warm draußen, der Himmel ist pechschwarz, mein Kopf liegt auf seiner Schulter, er zwirbelt meine Haare zwischen seinen Fingern. Ich muss lachen, "so wie man sich halt kennt", sagt Jasper und zwickt mich in die Seite. Sein Kumpel grinst. "Also Tinder." Wir nicken. Ich bin überraschenderweise nicht peinlich berührt. Alle machen's, keiner redet darüber. Lebensrealitäten sind nicht dafür da, versteckt zu werden. "It's gambling", höre ich meinen besten Freund sagen. Und ich frage mich, ob er Tinder meint, oder das Leben. 

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