Es ist 19:32, ICE 274 hat Verspätung. Ich sitze an Gleis 9 am Frankfurter Hauptbahnhof und sauge die letzten Fetzen hessisch auf, die ich in den nächsten Wochen hören werde. Auf hessisch schimpft es sich so viel schöner, denke ich, während sich der Mann neben mir über die deutsche Bahn beschwert. Er regt sich so auf, der arme Mann, dass er noch mehr schwitzt als der Bahnsteig-Mainstream. Ich verstecke mich hinter meiner Sonnenbrille und schaue mich um. Vielleicht ist es die Berliner-Arroganz, aber ich bilde mir ein sehen zu können, wer in der Hauptstadt zu Hause ist. Neben mir raucht ein Kerl sitzend auf seinem Board, ein Pärchen knutscht, müde Augen starren die Anzeigetafel an, die Verspätung anzeigt. Wir sind angestrahlt und verstrahlt, „wo fährst du hin“, der Zigarettenrauch des Kerls neben mir tanzt in der heißen Sommerluft. „Nach Hause“, sage ich. Wir nicken uns zu. Weil wir das warme Gefühl von mit glitzernder Vorfreude überstreuter Heimreise teilen.

„Sag das nicht immer“, höre ich meine Mutter sagen. Wir reden viel über Heimat in letzter Zeit. „Ich bin bei meinen Eltern“, sage ich, wenn mich jemand fragt, was ich gerade so mit meinem Leben anfange. „Zu Besuch“, füge ich manchmal hinzu, obwohl mein Heimaturlaub auf dem Papier mein zu Hause ist. Ich habe mich umgemeldet, zwangsweise, irgendwo muss man ja gemeldet sein, auf meinem Personalausweis steht Mutters Adresse, meine Kinderadresse, mein Personalausweis ist wieder 14, mein Vergangenheits-Ich lebt wieder in Hessen, während mein Herz in Berlin hängt. Es hängt irgendwo und nirgends, manchmal habe ich das Gefühl, es hängt an den Erlebnissen und Erfahrungen, die ich hier gemacht habe. An dem Gefühl von Grenzüberschreitung und -ziehung, grenzenloser Freiheit und freiheitlicher Träume, an dem Gefühl von träumerischer Phantasie und phantastischem Hunger aufs Leben. Ich bin in das Gefühl verliebt, was mir die Stadt gibt. Den reizüberflutenden Gedankendreck blende ich aus. Neben mir, auf Platz 39 und 40 kuschelt ein junges Pärchen. Sie liest einen Roman von Benedict Wells, während er aus dem Fenster schaut und ihre Haare zwischen seinen Fingern zwirbelt. Der Vibe ist voller Liebe, ich spüre es durch den von der Klimaanlage betäubten Mittelgang. Die beiden sehen nach zu Hause aus, wie ihre Körper sich aneinanderschmiegen, die beiden sind Tetris, ich bekomme richtig Lust auf Liebe. Die Sonne geht unter, Bahnfahren ist meditativ. Es fühlt sich komisch an, nach Hause zu fahren, ohne nach Hause zu fahren, schreibe ich in mein Tagebuch. Dann denke ich lange über den Begriff nach, den man uns indoktriniert hat, als wir noch ganz klein waren. Zu Hause ist da, wo Mama ist, wir sind kleine Enten, auf die Watschelfüße unserer Enten-Eltern geprägt, die Watschel-Füße sind unser zu Hause. Während unser Horizont größer wird, werden die Watschel-Füße langsamer. Wir wollen nicht stehen bleiben. Was ist dein zu Hause, denke ich und schaue das schöne Mädchen neben mir an.

Die Schnelllebigkeit von heute, die Erfahrungsüberflutung von gestern, der Möglichkeitenjungle von morgen und die rastlos-unentschlossene Unruhe von immer verändern das Gefühl von Heimat. Zu Hause sein ist nicht mehr räumlicher Natur – wir sind so grenzenlos wie es unsere Wohnung ist. Wir ziehen so oft um, wie wir uns neu verlieben, wir sind rastlos und losgelöst von festen Wohnungen und festen Beziehungen. Das mag überspitzt klingen, aber durch die Brille der Übertreibung sieht man oft klarer. „Reisen“, sagt meine Freundin, als ich sie nach ihrem Zuhause frage. „Ich bin zu Hause, wenn ich nicht zu Hause bin.“ Damit spricht sie aus, was ich denke. Das konservative Denken, Heimat synchron als Dach über dem Kopf zu sehen, macht unfrei. Du bist so jung, du kannst alles machen, was du willst. Nicht, wenn du einen Hausrat hast, der versorgt werden will. Blumen und Haustiere sterben, wenn du nicht immer wieder zurückkommst, nach Hause. Mama, ich sehe dich vor dem Laptop sitzen und die Augen verdrehen. Aber die Privilegien eines vollen Kühlschranks genießt du trotzdem, höre ich dich sagen. Das stimmt. Und ich bin sehr dankbar dafür. Ich bin dankbar, dass es einen Ort gibt, an den ich immer zurückkommen kann, an dem ich sicher bin und einfach sein kann. Du bist meine Basisstation, Mama. Aber mein zu Hause ist woanders. Weil ich gerade nicht nach Sicherheit strebe, sondern frei sein will.

Während ich das schreibe sitze ich mit meiner Freundin in Neukölln in einer Bar. Ich schließe die Augen, höre die Musik und die Menschen, ich höre das Leben. Der Kronleuchter, der schief über meinem Kopf hängt, blitzt, die letzte funktionierende Glühbirne brennt durch, ein Obdachloser wühlt im Müll und meine Hafermilch schmeckt salzig. Es ist schief hier, ich bin schief. Und ich fühle mich zu Hause, in diesem Moment. Ich bin frei von Druck und Zwang, frei von Zeitgefühl und Selbstoptimierung, frei von schlechten Gedanken und Sorgen. Vielleicht ist es genau das. Vielleicht ist es die Summe dieser Momente, die die Stadt zu meinem zu Hause macht. Weil ich mich in meinem ganzen Sein komplett akzeptiert und verstanden fühle und die Blase nicht guckt, sondern zurückruft und mir ein Sterni anbietet. Ich habe keine Wohnung mehr hier, das brauche ich gerade aber auch nicht. Mi casa es tu casa, sagt meine Freundin und für den Moment ist das alles was zählt. „Wir sehen uns später zu Hause“, sagt sie, als wir uns verabschieden. Sie ist ein Stück zu Hause und sie zeigt mir, dass zu Hause nicht ‚drei Zimmer-Küche-Bad‘ braucht. Es kann aber - und das ist total okay. Menschen sind so wunderbar unterschiedlich, wie es ihre Auffassung von Heimat ist. Deshalb gibt es Senioren-WG’s und Vilen, Hausboote und Dauercamper, Zelte und Vans, Menschen die mit Anfang 20 ein Haus kaufen und solche, die dank Bahncard 100 chronisch im ICE schlafen. Sicherheit und Freiheit wohnen in allen von uns, die Zeit mag Bedürfnisse verlagern, die den Wunsch der Wohnkonstellation verlagern. Wir leben nicht im später, Wohnungen können abbrennen, Menschen können gehen. Sicherheit ist gut, solange die Schnittmenge zu Bequemlichkeit oder Abhängigkeit kleiner als die zu freier Selbstbestimmtheit bleibt. Wir können Wasser nicht in Pakete schnüren und Wind nicht einfangen. Wir werden höchstwahrscheinlich im Laufe unseres Lebens umziehen müssen, wenn wir strukturell frei bleiben wollen. Das einzige, was wir immer dabeihaben und festhalten können, sind wir. Ich möchte mir selbst ein zu Hause sein, denke ich, während Johnny Cashs Stimme an der Steinwand abprallt. Dann wirst du wohl für immer überall zu Hause sein, und nirgends. Heute ist nicht für immer, denke ich. Und das ist gut so.     

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