„Do you think it’s fine if I put my feet up here?” Tara schaut mich an und lacht. Unsere Wanderschuhe sind voller Schlamm, sie hat Schmerzen am Knöchel, mein Knie tut immernoch weh. Wir sitzen in einem Café, draußen regnet es, wir legen unsere Füße auf die weißen Stühle. Meine Socken sind Merino, das wissen meine Sitznachbarn aber nicht. Sie rümpfen die Nase, mein Anblick lässt sie die Nase rümpfen, die blonde Frau trägt Prada, ich bin ein Quechua-Ausstellungsstück. Wir sind in Burgos. Städte passen nicht in die Pilgerblase. Ich wünsche mir meine Sneaker und eine Jeans. Und eine Dusche. Tara und ich teilen uns heute ein Hotelzimmer, wir können nicht mehr. Später werden wenigstens unsere Haare frisch aussehen, wenn wir in unseren Wandersachen die Stadt erkunden. Man steckt uns trotzdem in die Pilger-Schublade. Es fühlt sich nicht schön an, angeschaut und abgestempelt zu werden. Die Prada-Frau neben mir zahlt und schüttelt den Kopf. Dich möchte ich über die Pyrenäen wandern sehen, denke ich und strecke mein verletztes Knie durch. 

„Soy el menú“, sagt die Frau hinter der improvisierten Theke. Sie zieht mich zu sich und schiebt mich in die kleine Küche. Spanischer Yazz dringt aus einer Box an der Decke, es riecht nach frisch angebratenem Gemüse und Gewürzen. Töpfe dampfen, sie wendet Fleisch, „aquí“, sagt sie und hebt die Deckel. Karottensuppe, meine ich zu verstehen, und Linse. Carne, no, kein Fleisch sage ich. Sie schüttelt den Kopf und zeigt auf die Zutaten, die in den Suppen sind. Ich zeige auf die Karottensuppe, „vale“, Öl spritzt, irgendwer ruft ihren Namen. Ich setze mich an einen kleinen Tisch im hinteren Teil des Restaurants. Ich bin in Áges und heute schon wieder fast 30 Kilometer gelaufen. Ich trage FlipFlops, draußen hat es 4 Grad, ich kann meine Wanderschuhe langsam nicht mehr sehen. Antonio stellt mir ein Glas Rotwein vor die Nase, es riecht wie sich zu Hause anfühlt, Stella wirbelt durch den Laden, es ist laut, der Wein ist trocken, mir wird langsam warm. Ich habe so gefroren heute. Die Kälte lässt mich schneller laufen, erschöpft mich aber gleichzeitig umso mehr. Es fällt mir schwer, die Landschaft zu genießen, ich vermisse es, mich ins Gras zu legen und den Hinmel anzuschauen. Mein Bagpack ist verdreckt. Ich habe ihn in eine Pfütze gestellt, weil überall Pfützen sind. Meine Klamotten sind schlammig, ich will keinen Trockner bezahlen, morgen ist Schlammtag. Stella stellt mir einen dampfenden Teller und einen Brotkorb vor die Nase. Sie nuschelt etwas, ich verstehe sie nicht, also lächele ich nur. Ich genieße es, alleine zu sein. Je schlechter das Wetter, umso weniger Lust habe ich, mich zu unterhalten. Der Weg ist ein Krampf und ich warte so sehnsüchtig auf die wärmende Sonne wie mein ausgehungertes Ich auf den ersten Löffel heiße Suppe. In Berlin scheint die Sonne. Ich denke an meine Freunde und wäre gerne auch da. Ich bin nicht die einzige, die mit dem Temperatursturz und dem ewigen Regen zu kämpfen hat. „I‘m lonely“, schreibt Allan. Ich auch. 

„Hey Sunshine“. John sitzt auf der Leitplanke der Landstraße, der ich schon den ganzen Tag folge. Monotonie hat etwas meditatives, meine Füße haben mich heute getragen, ich habe meinen Rucksack kaum gefühlt. „Hey“, sage ich und setze mich neben ihn. Sein rot-blonder Bart fängt die Regentropfen auf, meine Hose ist nass, ich sitze in einer Pfütze. Ich genieße es, dass wir nicht über Blasen und Schmerzen reden, über Bettwanzen oder das Wetter. Er fragt, was ich sonst so mache, außer Pilgern, wir teilen Schokolade und beobachten die Autos, die an uns vorbei rasen. Wir sind alle verlorene Seelen, denke ich, als John mir seine Geschichte erzählt. Vielleicht verstehen wir uns deshalb alle so gut. Wir sind alle auf der Suche, nach was wissen wir nicht. „Let’s get drinks later“, sagt er. Ich habe ihn und seine Camino-Familie gestern kennengelernt und mich geärgert, dass wir keine Nummern getauscht haben. Das ist auch ein Teil der Magie des Weges: auf wundersame Weise sieht man immer die gleichen Menschen wieder.

In zwei Stunden können wir einchecken, Tara ist müde, wir alle sind müde, es ist erst 13 Uhr, später Nachmittag für einen Pilger-Alltag. Meine innere Uhr hat sich an die neue Zeitsphäre gewöhnt, ich wache automatisch um kurz nach fünf auf. Wir wollen duschen und schlafen, ich muss unbedingt waschen. Ich denke an Pau. No worries, würde er sagen. Wir wollten uns eigentlich in Burgos wieder treffen. Hier treffen sich alle irgendwie wieder. Pau ist zurück in Barcelona. Wer es nach Burgos schafft, der schafft es auch nach Samtiago, höre ich Claire sagen. Ich denke nicht bis Santiago, jeder Tag ist hart, man vergisst über Nacht, wie hart es sein kann. Es ist 13:23 Uhr. Jae schreibt ob ich mit ins Museum komme. Ich stinke und bin voller Schlamm. „Why Not“, schreibe ich. Und weiß nicht, auf was ich mich später mehr freue: eine warme Dusche oder eine echte Decke. 

1 Kommentar

Linear

  • Familie Bubble  
    Liebe Christina, wir kennen uns nicht, unser Kind geht bei Deiner Mama in die Schule... begeistert freuen wir uns auf jeden Deiner Berichte! Wir drücken Dir die Daumen und wünschen „Buen Camino“!

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.