Ich bin so erschöpft, Erschöpfung bekommt in diesen Momenten ein neues Gefühlsspektrum. Es sind nicht nur meine Füße, die nicht mehr gehen können, es ist auch mein Geist. Ich will nicht mehr denken, obwohl ich gerade sieben Stunden nicht gedacht habe. Perry liegt im Feldbett neben mir. „It‘s all about mindset“, sagt der 58jährige Kanadier. Ich dachte heute zwei Mal, erfrieren zu müssen. Das, und die Angst kein Bett in Roncesvalles zu finden, haben mich über die Pyrenäen getragen. Und aggressiver Deutsch-Rap, als ich gar nicht mehr konnte. Ich liege gerade in einem Kloster in Bett 220. Es gibt keine Zimmertüren. Es riecht nach Fuß. Es riecht so, wie Füße aussehen. Es riecht nach 27,8 Kilometern Wandern. In 400 facher Ausführung. Ich schreibe gerade auf meinem Handy, ich höre Flip-Flops und „Massage“ und „Café“. Die Frau in dem kleinen Abteil neben mir versucht verzweifelt auf Spanisch ein Hotel für morgen zu reservieren. Ich verstehe dich, Gloria. Hotel gibt mein Budget aber leider nicht her. Ich kuschele mich in meinen Schlafsack und gewöhne mich an die Albergues. Also bestimmt. Also spätestens übermorgen. 

Ich höre Giovanni im Bett unter mir Nüsse essen. Nüsse und Bananen sind das Lieblingsessen von Pilgern. Ich frage mich, wie es mir geht und merke, dass ich meinen Körper gar nicht richtig spüren kann. Mein Funktionsshirt klebt immernoch an meinem Körper, ich will nicht duschen gehen, draußen sind es 4 Grad und mir ist chronisch kalt, seit ich hier angekommen bin. Ich fühle mich ein bisschen einsam, obwohl die Herberge platzt. Ich sehne mich nach Nähe und beneide gerade all die Paare, die sich ihre Füße massieren. Ich bin mein eigenes Paar und das ist okay. Ich muss grinsen und bin doch ganz schön stolz auf mich. Gestern hätte ich nicht gedacht, dass ich überhaupt loslaufen würde. Ich hatte mich an Kathis Herberge gewöhnt und angefangen mir eine neue Komfortzone aufzubauen. „Today you Go darling“, hat mich Kathi heute morgen behutsam aus der Tür geschupst. Wobei, ich habe mich selber geschupst, um 6 Uhr, vor Sonnenaufgang. Ich hatte nicht mit Frost gerechnet, die Temperaturen hier haben mich überrascht, ich bin eine Zwiebel. Ich trage alles was ich habe am Körper, ein Tshirt habe ich mir notgedrungen um die Hände gewickelt, ich friere trotzdem. Ich hätte, rot geküsst von der Sonne in Berlin, nicht gedacht nochmal Schnee zu sehen. Nicht in Frankreich. Nicht im Mai. Ich wünschte das Wifi hier wäre besser und ich könnte Bilder hochladen. Ich habe selten etwas so eindrucksvolles gesehen. Es ging stundenlang bergauf, STUNDENLANG. Das Talgrün wurde proportional zu meinen Schmerzen weniger. Als ich den ersten Frost an den Blättern gesehen habe, konnte ich meine Hände nicht mehr spüren. Mein Rucksack ist viel zu schwer. Ich schleppe 10 Kilo mit mir rum, die Kerle hier auch, ich habe eher einen Mädchen-, als einen Frauenkörper, beim ersten Schnee am Wegesrand habe ich ein Buch und ein Stück Seife ausgepackt. Und alle Nüsse gegessen. Nach ein paar Stunden habe ich immer weniger Pilger getroffen. Die Luft hat sich klarer angefühlt, kälter, aber reiner irgendwie. Alles war so pur und als ich fast über eine Herde Ziegen gestolpert wäre, musste ich weinen, weil ich mich so lebendig fühle. Schmerz macht lebendig, so wie Leidenschaft lebendig macht und das Gefühl, genau das Richtige zu tun. Nach fünf Stunden habe ich angefangen Wanderlieder zu singen, um meine Lippe wieder aufzutauen. Ich kenne eine Strophe aus einem Lied, heute Nacht träume ich wahrscheinlich davon. Nach fast sechs Stunden habe ich Leopold aus Tirol kennengelernt. Er sieht genauso aus, wie man sich einen Leopold aus Tirol vorstellt. Unter seinen bunten Wandersachen eine zarte Bierbauch-Silhouette, ein breites Grinsen, fast hätte ich einen Alm-Gaudi angestimmt. Er läuft den Camino zum dritten Mal, wir unterhalten uns kurz, meine Lippe taut auf, ich könnte seine Enkelin sein. Er macht mir Mut, indem er einfach da ist. Ich umarme ihn, er sagt wir treffen uns in Santiago bestimmt wieder. „Nimm das alles auf, es ist sehr besonders“, sagt er und mir kommen schon wieder die Tränen.

Nach 7 Stunden komme ich in Roncesvalles an. Das letzte Stück des Weges muss ich über die Landstraße laufen. Ich winke den Autos zu, die mir entgegen kommen, weil ich so froh bin, bald da zu sein. Meine Wandersocken reiben beim bergab laufen an meinen Fußballen, ich bekomme eine Blase, der Tod eines jeden Pilgers. Ich winke verzweifelt weiter. Das „hola“ des Autofahrers, der anhält und fragt, ob alles okay ist, zeigt mir, dass ich in Spanien angekommen bin. Ich stapfe zum Kloster. Ich bekomme einen Stempel in meinen Pilgerausweis und eine Essensmarke. Ich sehe Menschenmassen in die zwei Hotels an der Veranda strömen. Ich denke nicht, „ich muss da jetzt durch“, sondern spüre, dass ich will. Und hier bin ich. Mit Perry aus Kanada, Giovanni aus Italien und Cherry aus Taiwan. Cherry wäscht gerade mein Tshirt mit. Mein vier Tage lang getragenes Tshirt. Es ist mein Vorteil, dass ich so jung bin und kindlich wirke. Jeder möchte mir helfen, ich habe das Gefühl, Muttergefühle zu generieren. Ich spüre, dass die Menschen überrascht sind. Ich werde ständig gefragt, warum ich den Camino laufe. Ich werde ständig unterschätzt. „She‘s a tough one“, sagt Gordon aus Sydney, als er mich am Kloster wiedererkennt. Ja Gordon, ich schaffe es auch bis nach Santiago. 

(Dieser Teil sollte kursiv sein, mein Handy scheint unfähig, oder ich, oder wir beide. Wahrscheinlich entfremden wir uns voneinander, so wenig Zeit wie wir aktuell gemeinsam verbringen). 

Um 18 Uhr beginnt die Pilgermesse, um 19 Uhr gibt es Abendessen. Also Mein Slot ist um 19 Uhr, es gibt insgesamt sieben. Das Gefühl von Erleichterung und  Stolz überstrahlt das Gefühl von Einsamkeit. Ich hoffe das bleibt heute so. Ich hoffe ich bin morgen fit genug, um nach Zubiri zu laufen. Ich hoffe es wird wärmer. Und wenn nicht, dann kann ich auch nichts machen und das ist okay. 

 

Tara aus Holland hat heute gesagt „don‘t forget to look back sometime“. Sie meint die wunderschöne Landschaft, die hinter uns liegt. Ich muss an die Kette von Oma denken, die ich in Sankt Jean Piet de Port habe liegenlassen, vor lauter Angst, nicht anzukommen. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass es nicht ums Ankommen geht. Neben mir im Abteil bricht eine Frau, Erschöpfung liegt in der Luft, bei der Kälte vergisst man schnell zu trinken. Ich atme tief durch und denke über Grenzerfahrungen nach.

 

2 Kommentare

Linear

  • Anna  
  • Britta  
    Liebe Christina.
    Gestern habe ich von deinem Blog erfahren und bin seitdem total begeistert. Du schreibst phantastisch. Du machst dich ganz alleine auf diesen langen Weg. Ein Abenteuer,eine Grenzerfahrung und ein großes Wagnis. Ich bewundere deinen Mut. Auch deinen Mut so offen über Ängste und Gefühle zu schreiben. Ich wünsche dir jeden Tag nette Begegnungen und positive Erlebnisse. Ich freue mich darauf zu erfahren wie es bei dir weitergeht. Dein neuer Fan aus dem 900 Seelen Dorf. Britta

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