Berlin ist eine skurrile Stadt. 

Ich habe lange hier gelebt, bin mit der Stadt geflossen und habe mich in ihrer Zerstreuung zu Hause gefühlt. Jetzt ist alles anders und anders ist dabei keine verallgemeinernde Radikalisierung. ALLES IST ANDERS. Ich bin anders. Ich fließe nicht mehr mit den Rolltreppen der U-Bahn-Höfe und den Menschen, die sich durch den inneren Ring drängen, Fußwege und Straßen verstopfend. Überall sind Menschen. Ich kann den Lärm nicht mehr ausblenden, mein Gehörgang ist verstopft von Wortfetzen aller Sprachen, von tausenden Stimmen. Ich kann unter meiner Maske nicht atmen, weil die Gerüche sich in meiner Nase festgesetzt haben, in meinen Körper zu dringen drohen, wenn ich zu tief einatme. Ich halte permanent die Luft an, während Berlin sich in meinem Körper breit machen will. 

Der Lärm der Stadt lässt mich nachts nicht schlafen. Ich belaste mit meiner Panik meine Beziehung und anstatt mich selbst lieb zu haben, mich zu beruhigen und zu trösten, hasse ich mich für meine low energy. Ich fühle mich low, ich fühle mich schwach und ich weiß, dass all das mit meiner Entwicklung zu tun hat, die ich durchlebe, seitdem ich weggezogen bin. 

Berlin betäubt und macht auf lange Sicht taub, wenn man sich im Sog verliert. Ich hab‘ mich schon mal darin verloren und nichts was ich gerade mehr will, ist zu fliehen. Ich kann besser flüchten als trösten, ich weiß gar nicht, wie das geht. Ich will weg und dann will ich wieder weg, weil es überall laut ist, wenn die Unruhe plagt und hetzt. 

Berlin schafft Fassaden. So war das bei mir jedenfalls. „Du bist arrogant geworden“, hat meine Mutter gesagt, als ich gerade 21 war und mich vom Jungle der Großstadt habe beeindrucken lassen. Ich habe angefangen zu rauchen und vegan zu essen – nicht wegen der Tiere oder der Umwelt, sondern weil es leichter ist eine Essstörung zu kaschieren, wenn man sowieso kaum etwas essen kann. Magersüchtig für die Umwelt. Ich war immer so müde, bis ich nicht mehr gemerkt habe, dass ich müde war und sich der Stress in meinen Körper gebrannt hat, wie eine zweite Haut. Wie eine erste Haut, wie eine einzige Haut. Ich habe mich nicht gefühlt, dafür alle anderen umso mehr, ich habe Bedürfnisse befriedigt, alle außer meine, habe mehr geraucht und weniger geschlafen und immer gelächelt, weil ich vor nichts mehr Angst hatte als vor Ablehnung. Ich habe die Stadt konsumiert und die Menschen konsumiert und immer mehr gebraucht, um trotzdem wenig zu fühlen. Berlin macht taub und süchtig. Ich bin weggezogen, weil ich das gespürt habe, ohne es benennen zu können. Suchtaffine Menschen werden hier verschluckt. 

Seit meiner Berlin-Sucht fällt es mir schwer zu fühlen. Ich konnte lange nicht zu meinem tiefsten Kern vordringen, weil sich eine Schale gebildet hat. Mein Herz, eine Nuss. Ich dachte viel zu brauchen, um glücklich zu sein, wusste aber, dass Konsum sozial abgelehnt wird, meine Angst vor Ablehnung hat also nach dem Wenigsten gegriffen. Ich bin für drei Monate ins Flüchtlingscamp in die Türkei gezogen, ich war an der syrischen Grenze, habe tote Menschen gesehen und Menschen in Seenot, wurde sehr verletzt und die Schale um meinen Kern wurde dicker, während ich immer dünner geworden bin. Magersucht ist eine Emotionsregulationsstörung. Man muss sich fühlen können, um seine Gefühle zu regulieren. Ich hatte jahrelang keinen Zugang zu mir selbst. Ich habe das nicht gespürt. Ich habe die Anerkennung von außen genossen und die Bestätigung, was für ein guter Mensch ich bin. Wir alle wollen gute Menschen sein. Ich war nicht gut, weil ich nicht gut zu mir selbst war. Niemand der sich selbst hasst, kann gut sein.

Ich kam zurück aus der Türkei, mit dem Bus nicht mit dem Flugzeug, weil das krasse Menschen eben machen, bin wieder zu Hause eingezogen, habe mir die Haare schwarz gefärbt und gedacht, ich löse mich auf. Ich denke das manchmal immer noch.

Meine Fassade hat mich gestützt, hat mir Identität gegeben und die Sicherheit, dass ich Bestätigung im Außen erfahre. Ich war ein krasser Mensch. Ich sehe cool aus und sage „alles kann, nichts muss“, obwohl ich für alles gar keine Energie habe. Und auch keine Lust. Ich vertrete popular opinions aus der links-grünen Blase, ohne mir über viele eine eigene Meinung gebildet zu haben. Ich bin hypokritisch. Manchmal spucke ich meinen Kaugummi auf den Boden, wenn es keiner sieht. Ich bin antizipativ. Während der Pandemie habe ich mir einen Bus gekauft. Ich habe den ausgebaut, wollte ich schreiben, das stimmt aber gar nicht. Mein Bruder und sein Kumpel haben das gemacht. Ich habe sie manchmal gehetzt, weil ich losfahren wollte. Irgendetwas hinterher, dass ich auf Reisen noch nie gefunden habe. Das sieht man auf Fotos zum Glück nicht. Während ich das schreibe, fühle ich all den Selbsthass, der jahrelang durch meine Essstörung katalysiert wurde. Ich will essen. Und ich will nicht, dass sich die Essstörung auf anderen Kanälen ihren Weg nach draußen sucht. Es ist gar nicht so leicht, für sich selbst zu sein.

Berlin triggert all das in mir, weil es hier angefangen hat, dass ich mich nicht mehr spüren konnte. Weil ich geblendet wurde, von der Pseudo-Coolness, die hier in der jeder vollgepissten Ecke steckt. Ich war geblendet von all den schillernden Lebensrealitäten und den schönen Menschen, die niemals schlafen und trotzdem immer wach sind. Ich war geblendet von grenzenloser Energie und Transzendenz. Ich dachte ich muss auch so sein, äußerlich bunt und glitzernd, um überhaupt zu sein. Ich habe mich selbst verloren. Ich schäme mich so.

Ich sitze in einem Café, meine müden Augen sind voller Tränen. Ich trinke koffeinfreien Kaffee, weil ich das nicht mehr kann, Koffein, Nikotin, Alkohol, Kerle. Jede Art von Betäubung stößt mir auf. Ich denke, dass mir alle Menschen ansehen, wie fertig ich bin. Ich habe keine Sonnenbrille. Und was ist, wenn die Menschen dich sehen? Jeder ist manchmal fertig. Das ist mein Selbstwert, der sich verkriechen will, der nachts nicht schlafen kann, weil er Angst hat müde auszusehen, weil er Angst hat, mit der vollen U-Bahn zu fahren, weil er Angst hat langweilig geworden zu sein, der nicht mehr fließt in der Stadt, und dem schlecht wird, am Bahnhof Zoo. 

Ich habe schon oft über Selbstwert geschrieben und noch öfter darüber nachgedacht. Ich weiß, dass Wert nicht an Produktivität geknüpft ist, auch wenn der Kapitalismus uns das allen einzutrichtern versucht. Ich lerne gerade, dass Selbstwert auch nichts damit zu tun hat, wie ‚krass‘ wir sind, oder welchen Lebensweg wir gewählt haben. In welcher Stadt wir wohnen oder wann wir Eltern werden, wo wir arbeiten, ob wir arbeiten, oder welche Kleidergröße wir tragen. Es kommt drauf an, wie wir sind. Zu uns. Und dann zu unserem Umfeld.

Ich habe mich gegen Berlin entschieden und werde mich auch immer wieder gegen die Stadt entscheiden. Genauso, wie ich mich gegen Zigaretten und Magersucht entschieden habe. Es wäre leichter nicht zu essen und es wäre leichter zu rauchen und es wäre leichter zu treiben und zu hoffen nicht unterzugehen, harte Schalen schwimmen oben. Es scheint mir, als wäre überall Leichtigkeit. Oder leichte Menschen, die erklären, wie man zu Leichtigkeit kommt. Meine Gegenrealität ist voller Leichtigkeit und seit Monaten schaffe ich es nicht, Instagram zu löschen. 

Ich frage mich, wer ich bin, ohne meinen Hippie-Bus, ohne meinen Podcast, ohne immer überall die dünnste zu sein oder die coolste oder die, die ständig irgendwelche krassen Dinge macht. Ich fühle mich nackt ohne all das. Ich fühle mich anxious ohne meine krasse Fassade, weil da nichts ist, außer ich. 

Ich lerne mich neu kennen. Mir macht das Angst, weil ich mich frage, wer ich eigentlich bin. Ich hinterfrage popular opinions und merke, dass es gar nicht so leicht ist, sich selbst ein Bild zu machen. Ich war immer ein lauter Mensch, obwohl ich eigentlich sehr leise bin. Schreien übertönt Leere, laute Menschen sind oft sehr traurig. 

Ich bin Christina. 
Ich bin ein leiser Mensch.
Ich bin.

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